Mit 374 elektrischen PS über den Hockenheimring

SELBSTVERSUCH BEIM E4-TESTIVAL

HOCKENHEIM.Vom Sportwagen bis zum Straßenflitzer präsentiert sich das e4-Testival auf dem Hockenheimring zur Premiere an diesem Wochenende vollmundig als Deutschlands erste und Europas größte fahraktive Messe für Elektromobilität. Ob das enthusiastisch beworbene Festival seinen eigenen Ansprüchen genügt, will unser Autor bei einem Selbstversuch genauer wissen.

Hockenheim, 9 Uhr, Fahrerlager: Nur eine rasche Registrierung soll zwischen dem vollelektrischen Fahrspaß und mir stehen. Und tatsächlich – wer sich mit Führerschein und Personalausweis zum Fahrer qualifiziert hat und mit einem rosa Armband ausgestattet wurde, darf sich zwischen Jaguar und Porsche, Tesla und BMW zielstrebig in die Schlangen einreihen. Meine Wahl fällt auf das BMW i8 Coupé. Der Tag ist noch früh, die Wartezeit verhältnismäßig kurz – nach 30 Minuten stehe ich vor dem Gefährt meines Begehrs und steige ein. Ein Instruktor unterweist mich in die wichtigsten Details des 374 PS starken Plug In-Hybriden, danach geht es los.

Die ersten Meter mit dem vollautomatischen Getriebe auf dem noch regennassen Ring gestalten sich merkwürdig ungewohnt und lassen speziell einen geübten Schaltwagenfahrer die notwendige Aktion vermissen. Doch bereits auf der Ausfahrt aus der Nordkurve hoch in Richtung Einfahrt der Parabolika wird aus der Überzeugung komfortvoller Sicherheit der Reiz impulsgetriebener Faszination. Als sich der Motor des windschnitten Sportwagens auf der langgezogenen Linkskurve in Richtung Spitzkehre zuschaltet, juckt mir der Fuß auf dem Gaspedal – und die Atmosphäre des Grand Prix-Kurses verfängt. Denn auch, wenn die Instruktoren die Testfahrer konsequent bei 100 Stundenkilometern drosseln und die Achtung gegenüber den anderen Teilnehmern überwiegt: Die Leichtigkeit in der Beschleunigung fasziniert.

Für einen kurzen Augenblick auf dem Asphalt zu beschleunigen, auf dem Legenden des Rennsports wie Michael Schumacher und Klaus Ludwig ihre größten Triumphe feierten: Ein magisches Erlebnis. Und eines, das sich durchaus auf das Hier und Jetzt überträgt. Denn dass man sich trotz enormem Respekt vor den oft nur futuristisch erscheinenden Mobilen auf der rutschigen Piste um quasi nichts kümmern muss und die Steuerungssysteme das Heck selbst bei sportlichen Bremsmanövern vor dem Ausbrechen bewahren, wird spätestens nach den ersten Schikanen zum angenehm überraschenden Erlebnis, das das Testival-Motto auf imponierende Art und Weise einlöst. Denn hier können gängige Stereotypen nicht nur – wie so oft – theoretisch, sondern durch Erfahrung in ihrem Wortsinn abgebaut werden. Ein Novum in einer Szene, die seit Jahren um breiteres Gehör kämpft und dafür genau nach dieser organischen Nähe sucht.

Mittlerweile bin ich an der Spitzkehre angekommen. Mit knapp 40 Stundenkilometern der langsamste Punkt der Strecke. Wer sich mit den Beschaffenheiten des Handlings vertraut machen will, ist hier an der richtigen Stelle. Bewusst biege ich quälend lang ein, um Lenkung und Fahrassistenzsysteme an ihr Limit zu zwängen, ein letztes Mal in den Sportmodus zu schalten und an der Mercedes-Tribüne vorbei in Richtung Sachskurve zu fliegen. Es sind erhebende Augenblicke. Denn auch, wenn diese knapp drei Minuten für kaum jemanden die revolutionäre Erleuchtung bedeuten: Sie sind ein Tritt über die Schwelle, den viele sonst vielleicht nie riskiert hätten. Ein mehr als lohnenswertes Unterfangen.

Quelle: Schwetzinger Zeitung/ Markus Mertens

 

Veröffentlicht am: Dienstag, 04.12.2018.