Motodrom stand zwei Tage unter Strom

Mehr als 100 E-Fahrzeuge konnten getestet werden - Verkehrsminister Winfried Hermann kritisierte Hersteller und appellierte an Kommunalpolitik

Hockenheim. Winfried Hermann nutzte die Gelegenheit und ließ laden. Während der Landesverkehrsminister das zweitägige "e4-Testival" eröffnete, hing sein Dienstwagen, ein Mercedes Benz B-Klasse Hybrid, an der Ladestation. Würde der Grünen-Politiker einen Tesla, BMW i 3, Renault Zoe oder einen Kia Niro EV fahren, hätte er sich das sparen können. Die Akku-Reichweite hätte locker für die Strecke zwischen Stuttgart und dem Hockenheimring gereicht.

Doch damit sind die Elektro-Fahrzeuge aus dem Autoland Baden-Württemberg bislang hoffnungslos überfordert. "Wir schlagen uns mit dem Diesel-Thema rum, während das Ausland E-Autos liefert. Das darf nicht passieren", sagte der zerknirschte Minister beim Pressegespräch am Samstagmorgen. Es war zugleich der Start zu einer speziellen Premiere: Das "e4-Testival" informiert umfassend über alles Fahrbare, das unter Strom steht. Dazu gehören Skateboards, Roller - auch E-Scooter genannt -, Fahrräder, Lastenräder, Motorroller und Autos.

Insgesamt mehr als 100 Fahrzeuge konnten getestet werden, wovon die Besucher auch viel Gebrauch machten. Schließlich bietet sich sonst nie die Chance, an einem Ort vier oder fünf E-Autos verschiedener Hersteller für eine ungestörte Probefahrt zu nutzen. "Meine Frau durfte mal einen Tesla in Paris fahren - und stand nur im Stau", erzählte ein Besucher kurz vor seiner Tour durchs Motodrom.

Auch die E-Bike-Tester hatten ihre abgesperrten Parcours auf der Start-Ziel-Geraden und machten ungezügelt Tempo. Der junge Heidelberger Hersteller Coboc, der seit 2011 E-Bikes baut, stellte sein inzwischen zehntes Modell vor. Desiknio, ein spanischer Produzent, reiste ebenfalls mit ganz unterschiedlichen Zweiradtypen an.

Wirklich preiswert sind die schicken Gefährte allerdings nicht: Zwischen 3600 und 4900 Euro muss man für sie ausgeben. Ruprecht Ride, ein Heidelberger Händler, der im Motodrom ausstellte, gab preislich Entwarnung: Die E-Bikes sind auch erschwinglicher zu bekommen. Der Boom aber, so bestätigten alle, ist ungebrochen. E-Bikes haben nach wie vor Konjunktur.

Etwas verhaltener läuft bekanntlich das Geschäft bei den Hybrid- oder E-Autos. Den einen ist der Preis zu hoch, den anderen die Reichweite zu gering. Dass Ladestationen fehlen, will Verkehrsminister Hermann aber nicht gelten lassen. "Wir haben in Baden-Württemberg mehr Ladestationen als E-Autos", spottete er. 2000 gebe es im ganzen Land.

Der Minister geht mit den Herstellern hart ins Gericht. Sie brauchten zu lange und weigerten sich, das Thema anzugehen. Mercedes-Benz habe es bis vor Kurzem abgelehnt, E-Busse zu bauen. Großen Bedarf sieht Hermann bei Elektro-Lkw, die beispielsweise den Transport von der Peripherie in die Innenstädte übernehmen.

Immerhin: Der Grünen-Politiker ist sicher, dass wir vor der Verkehrswende stehen. Zugleich appellierte er an die Kommunalpolitik, sich zu ändern. Die Aufenthaltsqualität in den Innenstädten müsse sich bessern. Immerhin mit einigen Visionen kam Heidelberg-Marketing-Chef Mathias Schiemer nach Hockenheim: Touristen, die vor den Toren der Stadt in Elektro-Busse umsteigen, Gästeführungen auch mit E-Bikes, Handwerker zum Umstieg auf E-Lastenräder bewegen sowie den städtischen Fuhrpark energisch und elektrisch umgestalten - all das sind seine Überlegungen.

Schauspieler, Umweltaktivist und Dokumentarfilmer Hannes Jaenicki berichtete von seinen Erfahrungen im Ausland - und ärgerte sich über die zögerliche Regierung und die Hersteller. "Wenn ich in Amsterdam aus dem Flugzeug steige, stehen da nur E-Autos als Taxen, in Kalifornien habe ich an jeder Parkuhr eine Lademöglichkeit", erzählte er. Er selbst fährt seit fünf Jahren einen BMW i 3.

Quelle: Rhein Neckar Zeiung/Rolf Kienle

 

Veröffentlicht am: Dienstag, 04.12.2018.